Wie entwickelte sich die Disziplin Religionswissenschaft?

Friedrich Max Müller

Friedrich Max Müller

Als Begründer der Religionswissenschaft gilt Friedrich Max Müller (1823-1900). Er konzipierte die Religionswissenschaft in Analogie zur Vergleichenden Sprachwissenschaft als philologisch-historische Disziplin, die sich mit den Primärquellen der Religionen beschäftigt und sie miteinander vergleicht. Gegen Ende des 19. Jh. wurden die ersten Lehrstühle für Religionswissenschaft in Europa begründet. Die Lehrstühle wurden teils an philosophischen, teils an theologischen Fakultäten angesiedelt. Dies ist auch heute noch der Fall (vgl. Liste der Lehrstühle/Institute/Seminare für Religionswissenschaft).

Wesentliche Impulse erhielt die Religionswissenschaft durch die religionsethnologischen Forscher Edward Burnett Tylor (1832-1917), James George Frazer (1854-1941) und Bronislaw Malinowsky (1884-1942) u. a., die ähnlich wie die Begründer der Religionssoziologie Émile Durkheim (1858-1917) und Max Weber (1864-1920) die Funktion der Religion(en) in der Gesellschaft ergründeten und den Weg der Religionswissenschaft zu einer kulturwissenschaftlich-anthropologischen Wissenschaft ebneten.

Edward Burnett Tylor

Edward Burnett Tylor

James George Frazer

James George Frazer

Bronislaw Malinowsky

Bronislaw Malinowsky

Émile Durkheim

Émile Durkheim

Max Weber

Max Weber

Joachim Wach

Joachim Wach

Joachim Wach (1898-1955) forderte 1924 in seiner Habilitationsschrift die Emanzipation der Religionswissenschaft von den "Mutterwissenschaften" (Religions-) Philosophie, Philologie, Religionsgeschichte, Theologie und Ethnologie und begründete ihre Eigenständigkeit als empirisch-deskriptive, nicht normative Disziplin. Zugleich wies er der Religionswissenschaft zwei Arbeitsweisen zu. Die historische Religionswissenschaft, die sich mit der Geschichte und Entwicklung der Religionen von ihren Anfängen bis in die Gegenwart beschäftigt (diachrone Vorgehensweise), sowie die systematische Religionswissenschaft, die die Aufgabe hat, Begriffe und Kategorien zu bilden und ähnliche Phänomene verschiedener Religionen miteinander zu vergleichen (synchrone Vorgehensweise). Während sich diese Zweiteilung in zwei Hauptaufgabengebiete weitgehend durchgesetzt hat, ist die Abgrenzung zwischen Theologie und Philosophie einerseits und Religionswissenschaft andererseits bis in die Gegenwart hinein Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses.

Nachdem in der Anfangszeit religionsphilosophische und historisch-philologische Fragestellungen Hauptgegenstände der Religionswissenschaft waren, rückten in der "Religionsphänomenologie" systematisch-vergleichende Fragestellungen von 1920 bis Mitte der 60er Jahre in den Vordergrund. Sie wurde vornehmlich von Religionswissenschaftlern mit theologischem Hintergrund betrieben (Nathan Söderblom, Rudolf Otto, Gerardus van der Leeuw, Friedrich Heiler, Gustav Mensching) und war dadurch geprägt, dass man das Wesen der einen "Ur-Religion" hinter den verschiedenen "Erscheinungsformen der Religion" zu entdecken versuchte (vgl. Friedrich Heiler: Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Stuttgart 1961) und meinte mit Begriffen wie z. B. "Das Heilige", "Das Numinose", "Die Macht" eine Terminologie gefunden zu haben, die alle Religionen umfassend beschreiben kann.

Gegen diesen wissenschaftlichen Ansatz erhob sich seit den 60er Jahren starke Kritik, die auch heute noch den wissenschaftlichen Diskurs bestimmt. Man wirft der Religionsphänomenologie vor, dass ihre Begriffe und Kategorien oft nicht dem Selbstverständnis der Religionen gerecht wurden und dass die Kategorien westlich-christlich geprägt waren. Man lehnt den Entwicklungsgedanken ab, dass es so etwas wie eine "Ur-Religion" gegeben hätte, die allen Religionen zugrunde liegt. Man lehnt die Wertungen ab, die mit dem Entwicklungsgedanken bei den Religionsphänomenologen oftmals verbunden waren ("Primitive Religionen" - "Hochreligionen") und die andere Religionen oftmals nur zu Vorstufen und Durchgangsstadien zum Christentum reduzierten. Nicht zuletzt kritisiert man, dass die substantialistischen Definitionen dessen, was Religion ist, nicht tragfähig sind und dass die Einbeziehung der eigenen religiösen Erfahrung den Blick auf die Religionen nicht eröffnet, sondern verstellt.